31.12.07, 16:56   |     

Studium

Schnelle Hausarbeit dank Internet

Erfolgsdruck verleitet viele Studenten zum Plagiat. Neun von zehn wären bereit, Arbeiten zu kopieren, und das Internet zeigt sich dafür als fast unerschöpfliche Quelle.
Immer schneller sollen Studenten ihr Studium absolvieren. Erleichtern sie sich die Arbeit und kopieren Versatzstücke aus dem Internet, werfen die Professoren ihnen vor, geistiges Eigentum zu stehlen. Jedenfalls, wenn sie erwischt werden. Und das Plagiieren war dank des Internets nie leichter. Bedienen sich alle Studenten gewissenlos aus dem Internet? Gegen diesen „Generalverdacht“ wehrt sich Soziologe Sebastian Sattler. Und doch: Seiner exemplarischen Studie unter Leipziger Soziologiestudenten zufolge sind neun von zehn Befragten bereit, fremde Texte für Hausarbeiten zu kopieren, zwei von ihnen würden sogar fast die ganze Arbeit abschreiben. Genaue Zahlen zu Plagiaten in Deutschland gibt es nicht, Schätzungen sprechen von 25 bis 30 Prozent.

Von einem „ziemlich dreisten Fall“ berichtet der Bielefelder Historiker Thomas Welskopp. Die Studenten sollten einen Essay schreiben, doch in einem Fall habe ein Student ein Stück aus dem Internet komplett als sein eigenes ausgegeben. „In der Regel verraten sich Plagiate durch den Stil – erst kommt eine hölzerne Einleitung, dann ist alles glänzend“, sagt der Wissenschaftler. Der überführte Student habe sein Werk nach einer „sehr fehlerhaften Einleitung von zehn Zeilen“ szenisch angelegt. Sein Professor „ergooglete“ sich die auffallenden Formulierungen – der Missetäter war ertappt. „Ich werde ihn in meine Sprechstunde zitieren und das ein wenig inszenieren“, sagt Welskopp. Oft fehle das Schuldverständnis.

Neue Software vergleicht Arbeiten

Doch die geleimten Professoren schlagen zurück. Als erste Hochschule Deutschlands habe die Universität Bielefeld schon 2002 eine Software eingesetzt, die schriftliche Arbeiten mit Milliarden von Seiten im Internet abgleicht. „Es reicht eigentlich aus, auf das System hinzuweisen“, sagt der Bielefelder Soziologe Nils Taubert. „Das hat abschreckende Wirkung. Ich kündige es in meinen Seminaren an.“ Seitdem habe sich das Ausmaß des studentischen Sports „copy and paste“ („kopieren und einfügen“) deutlich reduziert. Dabei habe das System nur rund 15 Fälle von Plagiaten aufgedeckt.

Die Gründe dafür sind bei wissenschaftlichen Arbeiten vielfältig, weiß der 26 Jahre alte Leipziger Soziologe Sattler, der in Bielefeld promoviert: Konkurrenzdruck, weniger Aufwand, auch geringe Fähigkeiten im wissenschaftlichen Arbeiten spielen eine Rolle. Software im Kampf gegen Plagiate lasse sich austricksen. „Studenten, die ihre Arbeiten kopieren, können sich genauso professionalisieren wie gedopte Sportler“, erklärt er. Außerdem seien direkte Plagiate eher in der Minderheit und sinngemäße Übernahmen deutlich beliebter. Das beginne schon in der Schule, wo die Wahrscheinlichkeit, nicht aufzufallen, doppelt so hoch sei. Das Internet als Quelle sei fast unerschöpflich, sagt Debora Weber-Wulff von der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Allein beim Portal www.hausarbeiten.de gebe es mehr als 71 000 Stücke in 428 Fächern.

Wer kopiert, der fliegt

Zweifelhaft ist daher laut Sattler auch, ob die Zahl der Plagiate wirklich rückläufig ist, wie ein Test an der Universität Hamburg vermuten ließ. Repräsentative Studien gebe es nicht. Für seine eigene Studie in Leipzig wertete er 226 Fälle aus – und stellte überrascht die hohe Bereitschaft zum Abschreiben fest. „Mit 90 Prozent sollte man nicht rechnen, da war ich optimistischer“, sagt er. Auch der enorme Aufwand, den Studenten auf sich zu nehmen bereit sind, überrascht. Viele würden sogar die Zitate aus anderen Sprachen übersetzen. Jeder fünfte Befragte gab zu, schon einmal fremde Gedanken oder Zitate bewusst und ohne Kennzeichnung in einer Arbeit verwendet zu haben. Unter denen, die bislang nur in der Schule eine Hausarbeit schreiben mussten, waren es sogar fast 56 Prozent.

Einen einheitlichen Strafenkatalog für den geistigen Diebstahl gebe es nicht, sagt der 26-Jährige. Das sei an anderen Hochschulen in anderen Ländern ganz anders. In Nordrhein-Westfalen versucht man, Abschreiber mit der Drohung einer Geldbuße von bis zu 50 000 Euro abzuschrecken. Welskopp regt eine Art Gelbe Karte an – erst kommt die Abmahnung, im zweiten Schritt die Exmatrikulation. „Meiner Meinung nach kann es nicht hart genug bestraft werden“, sagt er. „Bei mir besuchen solche Leute dann keine Veranstaltungen mehr.“ Was dann laut Sattler faktisch einer Exmatrikulation gleichkommen kann.
mb/dpa
 
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